Zurück zur Musik ...
In meinem Blogverzeichnis liegt ein gutes Dutzend unfertiger Artikel zum Thema 'Musikhören'. Die meisten sind vor einigen Jahren in einem Zeitabschnitt entstanden, in dem ich beruflich viel mit der Bahn unterwegs war. Meist als Reaktion auf irgendwelchen Stuss entstanden, den ich mir aus lauter Langeweile aus Hochglanzmagazinen, Hifi-Foren und Blogs gezogen habe.

Veröffentlicht habe ich nie was davon. Weil's die Aufregung eigentlich nie Wert war - und weil ich's besser wissen sollte. Ich habe nämlich mal dazugehört. Nein, nicht zu den Highend-Freaks, Herstellern oder Mitschwätzern. Ich war einer von den ganz Skrupellosen. Die, die den Scheiss an die Leser bringen müssen. Und obwohl mir die Umstände bewusst sind, ich lese trotzdem immer noch gerne mal einen gut geschriebenen Artikel – auch wenn er im Endeffekt eigentlich immer vom Hersteller oder Vertrieb quersubventioniert ist. Der letzte unabhängige Verriss in einer deutschen Hifi-Zeitschrift ? Dürfte mindestens 35 Jahre her sein …

Egal. Hier soll's um was anderes gehen. Um Tipps für Ungeduldige. Für die, die meine 'Lehrjahre' nicht mitmachen wollen. Die Freude am Musikhören und ein wenig Akustiktheorie haben – und vor allem an die, die Spaß an Livemusik und einer möglichst realistischen Wiedergabe bei entsprechendem Quellmaterial haben !

Beyerdynamic ET 1000
Beyerdynamic ET 1000 aus den 80ern (unverkäuflich)

Teil 1: Ein bisserl Theorie zur Stereophonie

Die Grundlagen der heute gängigen Aufnahmeverfahren zur Intensitätsstereophonie (und auch die 'Flankenbeschriftung' der Stereoschallplatte) wurden in grossen Teilen vom englischen Elektroingenieur Alan Blumlein in den 30ern gelegt und unter anderem vom viel zu früh verstorbenen Michael Gerzon auf hohem wissenschaftlichem Niveau weiterentwickelt.

Die gängigen Aufnahme- und Wiedergabetechniken erlauben – wenn überhaupt – maximal einen realitätsnahen Höreindruck auf dem theoretischen Stand der Entwicklungen Blumleins, aber niemals eine wirklich realistische Wiedergabe von Schallereignissen. Und je komplexer sich die Aufnahmesituation darstellt (Orchester, Chor), desto unwahrscheinlicher wird es auch, das Erlebnis aus einer Konzerthalle auch nur näherungsweise in die eigenen vier Wände zu übertragen.

Die Eindrücke, die manche Redakteure Ihren Lesern zu beworbenen Artikeln vermitteln wollen, sind leider nur all zu oft der 'künstlerischen Freiheit' und dem Werbevertrag des Distributors zuzuschreiben, aber definitiv nicht einer objektiven Wahrnehmung. Vor allem dann, wenn sich die verwendete Aufnahme als im Studio aus vielen einzelnen (Mono-) Aufnahmen zusammengefügtes, und per Pan- und Pot-Regler künstlich stereofoniertes Produkt (siehe Knüppelstereofonie) herausstellt.

Zuerst brauchen wir für unseren Bedarf erst einmal 'echte' stereofone oder im Mehrkanalverfahren mikrofonierte Aufnahmen. Diese gilt es dann unter Einsatz entsprechender Technik möglichst ohne inhaltlichen Verlust über Lautsprecher oder Kopfhörer bis zum Ohr zu bringen. Oder besser gesagt: Ohne hörbaren Verlust. Denn MP3 & Co. sind nicht generell so schlecht wie von manchen Goldohren behauptet, sondern können bei sachkundiger Anwendung durchaus mit verlustfreien Formaten mithalten. Leider muss ich an dieser Stelle aber auch anmerken, dass die möglichst realitätsnahe Wiedergabe für Kopfhörer und Lautsprecher auch eine unterschiedliche Aufnahmetechniken voraussetzt. Daher klingen sowohl Kunstkopfaufnahmen über eine 'normale' Lautsprecheraufstellung, als auch die berühmten Denon One-Point Aufnahmen über Kopfhörer – naja – zumindest 'suboptimal'.

Richtig gemacht lässt sich's aber recht gut Leben und die Stimmung eines Jazzclubs oder anderen Aufnahmeortes recht gut in die heimische Umgebung tragen. Ohne das Haus zu verlassen, nervende Sitznachbarn und schlechtes Bier ...

Teil 2: „Kauffen“ !

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, Reihenfolge und vielleicht schon bald aktualisiert ein paar Tipps zur Auswahl:
  • Die kritischsten Komponenten sind das Quell- und Zielgerät – beim Gedöns dazwischen lässt sich oft ohne schlechtes Gewissen richtig sparen (Kleinsignalkabel – Verstärker – Lautsprecherkabel).
  • Plattenspieler sind sehr schöne, aber denkbar miserable Musikquellen!
  • Der Gang ins Musikhaus oder zum Studioausstatter kann ordentlich 'Lehrgeld' ersparen, sofern das soziale Umfeld mitspielt (die Box gibt’s in Schwarz, Schwarz und alternativ Schwarz) und der sich als einfacher Musikhörer outende Interessent die Reaktion der Verkäufer erträgt. Ausserdem spart man sich bei dieser Lösung meist den Verstärker, sollte sich aber vorher ein wenig über angebotene Technik - üblicherweise Aktivboxen - und abweichende Begrifflichkeiten informieren. Es heisst nämlich 'Audio-Interface', nicht 'Digital-Analog-Wandler' und der dicke Knopf zur Lautstärkeregelung nennt sich 'Monitor Controller', sofern nicht die Steuerungsmöglichkeiten des 'Audio-Interface' ausreichen. Wundern Sie sich also nicht wenn Sie der Verkäufer bei der Frage nach DAC und Phonoeingang erst einmal mit grossen Augen ansieht.
  • Schlagwerk, Saxofon und Trompete klingen am besten über große Membranen (Flächenstrahler, Breitbänder, Hornkonstruktionen, AMT's). Dies liegt in der Natur der Sache (Energiegehalt der 'ersten Wellenfront'), und lässt sich in zahlreichen Naturkundeausstellungen auf eindrucksvolle Art 'erleben' (Ein Schlag auf eine auf der Rückseite zum Teil offene Trommel treibt ein Windrad an, das 2 bis 3 Meter entfernt steht, auch wenn der Vergleich zugegebenermaßen ein wenig hinkt ...). Eine Hochtonkalotte mit 2 cm Durchmesser und einem Hub unter dem Millimeterbereich kapituliert vor solchen Impulsen erwartungsgemäß und die grösseren Tief(mittel)töner trennen meist viel zu früh resp. sind oft zu gewichtig zur naturgetreuen Wiedergabe eines entsprechenden Impulses.
  • Ein sauberer Bass klingt trocken und wummert nicht – daher im heimischen Wohnzimmer lieber nicht zu tief abgestimmte Systeme wählen und sich bei Wunsch nach 'echtem Tiefbass' ordentlich in die Materie einlesen (Stichwörter: Raummoden, Dipol, Bassfalle)
  • Keine Angst vor dem Direktvertrieb vieler deutscher (Klein-)Hersteller. Gegen ein angemessenes Entgelt bekommt man die angebotenen Komponenten häufig auch als Teststellung zum Ausprobieren in den eigenen vier Wänden. Probier'n Sie das mal bei Märchenmarkt & Co. ...


Haben Sie die Ratschläge befolgt kann es nun durchaus passieren, dass Sie auch bei der einen oder anderen Pop-Produktion trotz 'gemischtem' Stereo akustische Perlen, und bei den vermeintlich 'audiophilen' Scheiben aufnahmetechnische Grausamkeiten entdecken.

Für Fragen und Anregungen nutzen Sie bitte das Kommentarfeld. Mißliebige Beiträge kann ich ja immer noch rauswerfen |-]